Clemens J. Setz

Clemens J. Setz

„Von vielen Menschen sollte ein Grundmaß von Gefahr ausgehen.“

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Zur Person

20. Februar 2019, Berlin. Der Suhrkamp-Verlag zieht um, von Prenzlauer Berg nach Mitte. Viele Bücher müssen mit, wenige Kleidungsstücke – ein Albtraum für die Spediteure. Im Konferenzzimmer sichtet eine Antiquarin den Bestand und verpackt ihn behutsam in Kartons. Clemens J. Setz lässt sich davon nicht ablenken. Der Schriftsteller ist Herr über das Tohuwabohu und gewohnt, Gedanken und andere Dinge zu ordnen. Er spricht über Angst und Trost, Lügen und Wahrheiten und erklärt, wie man als Schriftsteller mit all dem zurechtkommt.

Herr Setz, man fühlt es instinktiv, aber der Titel Ihres neuen Buchs „Der Trost runder Dinge“ stellt auch eine Erklärung in Aussicht. Warum spenden runde Dinge Trost?

Clemens Setz: Die meisten Leute scheinen mit diesem Titel etwas zu verbinden. Manche zeigen mir Twitter-Accounts, die sich runden Tieren widmen. Die Menschen finden es sehr beglückend, wenn sich eine Katze zusammenrollt oder sie einen Hamster sehen, der nur aus einem Kopf zu bestehen scheint. Auch dick in sich zusammengeplusterte Eulen sind trotz ihres enormen Tötungspotenzials offenbar ein beruhigender Anblick.

In der Architektur gibt es auch eine Denkschule, wonach rundförmige Bauten gut für die Seele sein sollen.

Ja, aber hierzu kann ich eine andere Geschichte erzählen. Ich kenne jemanden, der fast 15 Jahre auf der onkologischen Station im Universitätskrankenhaus von Graz gearbeitet hat, die bekanntlich von Friedensreich Hundertwasser gestaltet worden ist. Eins seiner Grundgesetze lautete ebenfalls: Die Natur kennt keine rechten Winkel. Deswegen gibt es in diesem Krankenhaus jede Menge weicher Übergänge, und auch die Fußböden sind nicht perfekt eben. Alles ist ein wenig verrutscht, so wie er es in der Natur empfunden hat, was immer das heißt. Für mich ist ein Militärjet im Endeffekt nicht weniger natürlich als eine Libelle – beides ist auf der Erde entstanden, mit hiesigen Ressourcen und durch die Evolution. Durch den Tanz der Moleküle sozusagen. Aber ich verstehe natürlich, was er meint; die menschenlose Natur kennt das Lotrechte nicht. Jedenfalls: Auf dieser Station gibt es viele Menschen, die mit Infusionsständern herumgehen müssen, und die stolpern regelmäßig über die avantgardistisch gestalteten Einrichtungen. Selbst die Schränke sind so schief und wellig gebaut, dass den Krankenschwestern immer wieder Dinge entgegenfallen. Der Trost dieser Architektur ist nicht messbar und hat die Menschen auch nicht aufgeheitert.

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