Gratis-Interview Axel Bosse

Axel Bosse

„Bemerke ich Ungerechtigkeit, habe ich Bock auf Aggression.“

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22.08.2018, Berlin. „Erst mal eine rauchen, okay?“ Axel Bosse – Künstlername: Bosse, Rufname: Aki – begrüßt uns entspannt im Office seiner Promotion-Agentur. Bei der Zigarette vor der Tür flachsen wir über Fußball, im Anschluss setzen wir uns in den Lounge-Bereich und werden ernster. Auf seinem neuen Album „Alles ist Jetzt“ zeigt sich der stets fröhliche Musiker unerwartet meinungsstark. Entsprechend ergeben sich die Themen des Gesprächs, die oft innerhalb eines Satzes vom Privaten ins Gesamtgesellschaftliche übergehen. Dabei reflektiert Bosse seinen Werdegang von Braunschweig bis Berlin und erklärt, in welchen Momenten seine Herzlichkeit endet und die schlechte Laune überhandnimmt.

Herr Bosse, wenn man sich Ihre Lieder anhört, dann denkt man sich: Sie leben sehr gern. Stimmt der Eindruck?

Ja! Ich bin jemand, der morgens gerne aufsteht. Das war schon immer so, selbst in meiner tiefsten Pubertät mit melancholischen Zügen und The Smiths auf den Ohren.

Haben Sie mal hinterfragt, woher das kommt?

So bin ich sozialisiert, so sind auch meine Eltern. Und ich besitze, verglichen mit anderen, offenbar einen ziemlich guten Energie-Haushalt. Meine Tage beginnen mit Sport, damit ich überhaupt klarkomme. Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt, denn mit Anfang 20 betrachtet man einen so hohen Energie-Haushalt ja noch als etwas Normales. Mittlerweile merke ich aber schon, dass ich wie so ein Bewegungsjunkie rumlaufe, mit einem komisch nach vorn gereckten Kopf, der immer mehr will, während der Körper schon mal sagt: Ist gut jetzt, mach mal ein bisschen langsamer. Aber noch trübt dieses Gefühl meinen Optimismus nicht.

War es der Optimismus, der Sie als 17-Jährigen nach Berlin führte, um Musiker zu werden?

Ja, das zum einen. Aber genauso wichtig war die Musik-Diaspora Braunschweig, wo man einen Tag braucht, um alle ortsansässigen Musiker kennenzulernen. Alle meine Freunde dort haben gesprüht und Hip-Hop gemacht, und ich war halt immer der Typ mit den langen Haaren, der Gitarre und den melancholischen Songs. Ich hatte daher das Gefühl, unbedingt weiterzumüssen. Und: Ich wollte auch mal Angst haben. Und in Berlin hatte ich immer Angst!

Wovor?

Mein Grundgefühl war Überforderung. Und Angst hatte ich davor, dass alle anderen zehntausendmal geiler sind, als ich es bin.

„Ich wollte auch mal Angst haben. Und in Berlin hatte ich immer Angst!“

Was sich dann aber irgendwann gelegt hat.

Ja, zumal das ja auch ein Trugschluss war. Als ich hier in Berlin ankam, war die Kastanienallee der heiße Scheiß, da war alles so cool und abgeklärt. Aber irgendwann hat man dann verstanden, dass das alles auch nur Menschen sind, die seit 20 Jahren an ihrem ersten Buch herumschreiben. Trotzdem, es war die beste Zeit damals. Einfach, weil die Jahre so frei waren. Da machte es auch nichts, dass ich selbst ein bisschen verloren durch diese Stadt zog. Ich habe von meinen Eltern nie Geld angenommen, habe lieber im Café gejobbt. Ich wollte Musik machen, und ich wollte das beste Mädchen der Stadt kennenlernen.

Hat das geklappt?

Die Beste habe ich, ja. Aber ich fand sie nicht in Berlin. (überlegt) Wenn ich mich an Berlin von damals erinnere, dann war die Stadt sehr übersichtlich, absolut nicht überlaufen. Leerer und verruchter. In einer Ecke von Berlin zu wohnen, in der es noch richtig besetzte Häuser gab: Das war mein Paradies!

Das ist jetzt 20 Jahre her.

Verdammt! (lacht)

Haben Sie heute noch manchmal Momente, in denen Sie sich verloren fühlen?

Schon, ja. Dieses Gefühl der Überforderung kommt immer mal wieder hoch. Wobei ich mittlerweile herausgefunden habe, dass ich danach immer krank werde. Wenn ich so kurz vor einer Grippe stehe, dann merke ich, dass ich eine mir sonst fremde Opferhaltung einnehme. So etwas Weiches und Trauriges. Und dann passiert es schnell, dass ich damit anfange, wirklich alles infrage zu stellen. In dieser Phase sollte man mir aus dem Weg gehen. Inzwischen kann ich das aber kommunizieren, ich sage dann: „Passt auf, heute ist alles scheiße bei mir.“

Neigen Sie dann zur Aggressivität – sich selbst oder anderen gegenüber?

Nein. Außer bei Nazis, da werde ich sofort extrem aggro. Aber auch das war schon immer so: Bemerke ich Ungerechtigkeit, habe ich Bock auf Aggression. Wobei ich gemerkt habe, dass auch in diesen Situationen der schlauere Weg immer der ist, nicht auszuflippen.

Wie ist das in der Musik und beim Liederschreiben, wenn da mal etwas nicht so läuft, wie Sie sich das wünschen: Kann Sie das aggressiv machen? Meine ganze Crew besteht aus Freunden oder Leuten, die dazukamen und dann Freunde geworden sind. Wir sind ja alle eigentlich keine Profis, sondern eine lustige Eiertruppe, die Lust hat, im semiprofessionellen Amateur-Bereich mitzuspielen. Das finde ich auch sehr schön so. Und trotzdem ist es mir wichtig, dass alle wissen, wie viel Arbeit und Mühe, wie viel Schweiß, Tränen, Liebe und Kotze in alldem steckt. Das muss wertgeschätzt werden! Und daher muss man das den Leuten hin und wieder auch klarmachen.

Was gibt Ihrem Leben Struktur?

Die Termine und der Tagesablauf meiner Tochter – wann ist Kung Fu, wann Ballett, wird morgen Mathe geschrieben?

„Wenn ich so kurz vor einer Grippe stehe, dann merke ich, dass ich eine mir sonst fremde Opferhaltung einnehme.“

Vater zu sein ist eine logistische Herausforderung.

Auf jeden Fall, aber man darf sich selbst und seine Beziehung dabei nicht vergessen. Je älter ich werde, umso mehr merke ich, wie wichtig es ist, dass man sich als Einzelperson und mehr noch als Paar seine kleinen Inseln schafft. Man muss sich die Zeit dafür nehmen, den Alltag zu reflektieren. Sich einfach mal rauszuträumen. Oder einfach nur doof in der Gegend rumzugucken. Ich habe das als Kind permanent gemacht, ich musste früher jeden Tag mit dem doofen Dorfbus eine Stunde in die Stadt fahren, und da habe ich nur aus dem Fenster geglotzt oder mich mit anderen unterhalten. Ich glaube, wer wie ich aus dem Dorf kommt, erkennt noch den Wert einer solch nichtsnutzigen Zeit. Wenn ich eine Woche unterwegs war, fünf Konzerte in größeren Städten, dann noch zwei Tage in Berlin: Dann fahre ich nach Hause, zurück ins Dorf und lege mich dort einfach in den Wald. Ich nehme meinen Hund mit, gehe raus und denke: „Okay, Baum, ich werde dich jetzt zwar nicht wirklich umarmen, aber fast.“

Sie bremsen Ihr Leben also ab, mit Baum und Hund.

Genau, und ich glaube, dass das wichtig ist, gerade in dieser Zeit, in der wir alle sehr schnell an unseren Geräten sind – und uns dennoch immer wieder fragen, ob wir damit glücklich und zufrieden sind. Ich habe vor einer Weile Hannelore Elstner kennengelernt, irgendwann wurde sie von ihrem Chauffeur abgeholt und zur Verabschiedung sagte sie mir: „Aki, wissen Sie, wir haben uns so gut verstanden, schreiben Sie mir doch bitte mal ein Fax.“ Und dann gab sie mir einen Zettel mit einer langen Nummer drauf. Als ich sie groß anguckte, sagte sie: „Ja, ich habe weder ein Festnetz noch ein Handy. Aber per Fax können Sie mich immer erreichen.“ Das fand ich super! Ich habe ihr auch tatsächlich ein Fax geschrieben, und das Hauptproblem war, jemanden zu finden, der überhaupt noch so ein Gerät besitzt. Will sagen: Es gibt offenbar Wege, aus der Nummer wieder rauszukommen, in die wir uns alle gerade hineinmanövrieren. Die Lösung lautet: Faxnummern für alle. (lacht)

Auf Ihrem neuen Album gibt es eine Zeile, da singen Sie, Sie würden sich fühlen wie „Robert de Niro bei ‚Berlin - Tag & Nacht’ im falschen Film und fehl am Platz“. Fühlen Sie sich oft so?

Leider schon, ja. Ich betrachte die Dinge, die hier in Deutschland abgehen, und fühle mich so, wie sich Robert de Niro am Set dieser furchtbaren Reality-Seifenoper „Berlin - Tag & Nacht“ fühlen würde: Junge, Junge, was ist denn hier los?

Was macht Ihnen am meisten zu schaffen?

Die Menge an Dingen, die heute „wieder gesagt“ werden. Dieser Satz: „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“, der ist pures Gift – der ist aus der Diskussionskultur im Internet in die Gesellschaft und Politik gewandert. Das war vor zehn Jahren noch komplett anders. Aber durch die endlose Vervielfältigung solcher Aussagen durch Nazis, Idioten und Trolle im Netz gehen die Alarmglocken heute erst später an. Und dann kommt es, dass Hip-Hopper mit sexistischen Texten einen „Echo“ bekommen und ich mich frage: Warum zum Teufel hat man die eingeladen, warum hat niemand gemerkt, dass das nicht geht?

„Wir sind ja alle keine Profis, sondern eine lustige Eiertruppe, die Lust hat, im semiprofessionellen Amateur-Bereich mitzuspielen.“

Ist Ihre neue Platte deshalb politischer als die Alben davor?

Absolut. Ich war schon immer ein politischer Bengel, selbst als ganz kleiner. Aber beim Musikmachen war mir dieser Teil meiner Persönlichkeit immer seltsam fremd. Vielleicht auch, weil ich gedacht habe, dass meine Meinung, verglichen zum Beispiel mit der von einem guten Kollegen wie PeterLicht, einfach nicht ausreicht, nicht stark genug ist. Oder dass diese politische Ebene nicht in meinen Kontext passt.

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