Andrea Sawatzki

Andrea Sawatzki

„Man kann sich nur selbst erlösen.“

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Zur Person

06. November 2018, Berlin. Die Berliner Polizei hat angekündigt, in dieser Woche besonders aufzupassen. Keine Gnade den Falschparkern! Doch wo im dicht besiedelten Kreuzberg parken, wenn nicht falsch? Es ist elf Uhr vormittags, rund um das schmucke Hotel Orania sieht es schlecht aus mit freien Parkplätzen, erster Anruf, Andrea Sawatzki, noch im Auto, teilt mit, sie würde sich wenige Minuten verspäten: der Verkehr. Eine Viertelstunde später der nächste Anruf: kein Parkplatz. Als die Schauspielerin sich weitere zehn Minuten später in das Sofa fallen lässt, sieht sie abgekämpft aus: Ein Taxifahrer habe sie angepflaumt, sie parke zu nah an seinem Auto. Der Ärger verfliegt nach und nach. Im Gespräch über Familiengeheimnisse, Eltern-Kind-Konflikte und die eigene Vergangenheitsbewältigung wirkt Sawatzki nachdenklich. Ist von ihrem Mann und ihren Söhnen die Rede, leuchtet ihr Gesicht auf.

Frau Sawatzki, wenn Sie durch die Stadt gehen und in Gesichter blicken, was sagen Ihnen die Gesichter?

Auf den ersten Blick erscheinen die meisten Menschen mürrisch, auch wenn sie es vielleicht gar nicht sind, sondern eher in sich versunken. Man hat das Gefühl, viele schleppen Probleme mit sich herum, und weil sie das tun, verschließen sie sich. Vielleicht ist das ein Automatismus: Wer seine Seele verschließt, verschließt auch sein Gesicht. Wenn man sich aber die Mühe gibt und länger hinschaut, bekommt man manchmal ein Lächeln zurück.

Marina Abramovic hat in ihrer Performance „The Artist Is Present“ im New Yorker MoMA den Menschen, die sich ihr gegenübergesetzt haben, lange in die Gesichter geblickt. Auch um zu zeigen: Der Mensch will gesehen werden.

Das ist mit Sicherheit so. Wenn wir uns mehr anschauen, können wir aneinander mehr entdecken. Uns ist so viel entgangen in den letzten Monaten und Jahren! Ich frage mich zum Beispiel, wie es mir passieren konnte, dass ich die Menschen, die ihren Fremdenhass in die Welt hinausbrüllen, so lange nicht wahrgenommen habe. Wo waren die denn? Was habe ich verpasst? Wollte ich die nicht sehen? In denen hat ja schon lange etwas gekeimt. Man hat aber so wenig gehört über diese Menschen. Und mit einem Mal, so scheint es, tauchen die mit einem Schwung auf und mischen sich unter uns. Ich habe mich in der Sicherheit gewiegt, dass wir uns in diesem Land nicht mehr mit Themen wie Antisemitismus und Fremdenhass auseinandersetzen müssen. Ich will mich mit diesen schmutzigen Gedanken überhaupt nicht beschäftigen müssen – und muss es doch tun. Ich frage mich, wo habe ich versagt, dass sich das so auftürmen konnte?

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