Gratis-Interview Alice Schwarzer

Alice Schwarzer

„Bei Männern macht Macht sexy. Frauen nimmt man Macht übel.“

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7. Mai 2018, Köln. Der Bayenturm am Rhein hat fast 800 Jahre auf dem Buckel, ist Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung von Köln. Seit 1994 ist das Gemäuer in Frauenhand: Die Stiftung „FrauenMediaTurm“ unterhält ein Doku-Zentrum zur Frauenbewegung, auf einer Etage entsteht die Zeitschrift „Emma“. Das Büro der Chefin ist ein offener Raum für die Meetings, ein kleinerer für ihre Schreibtätigkeiten. Es ist warm, der Rhein fließt träge. Am Vormittag war Alice Schwarzer noch im Fernsehen, jetzt freut sie sich aufs Interview, begrüßt mit „Hallo, Herr Kollege!“ Das Aufnahmegerät läuft schon, sie sagt: „Herrlich, direkt los, ohne Geplänkel.“ Das Gespräch beginnt bei der Institution Alice Schwarzer, endet bei ihren Kachelmann-Kommentaren für die „Bild“. Dazwischen: De Beauvoir und Sartre, Konflikte innerhalb des Feminismus, ihre Kindheit bei den Großeltern.

Frau Schwarzer, Sie haben einmal festgestellt, dass es Sie gleich doppelt gibt. Einmal Alice Schwarzer, den Menschen. Und dann Alice Schwarzer, die Institution. Ist das ein Fluch oder ein Segen?

Eigentlich eher ein Fluch. Ich besitze ja keine institutionelle Macht, habe keinen Posten, niemand hat mich gewählt. Ich stehe ganz für mich alleine, das ist schon manchmal ein heißer Job. Und: Eine Art Institution zu sein engt mich ein. Ich verliere an Freiheit.

In welcher Hinsicht?

Ich bin ganz offensichtlich eine Freundin des offenen Wortes, aber ich muss mich schon manchmal fragen: Kann ich das, was ich sagen will, wirklich sagen? Ich muss nämlich davon ausgehen, dass meine Aussage eine Wirkung haben wird, die ich eigentlich gar nicht beabsichtige. Jeder Gedanke, den ich habe, verhundertfacht sich in seiner Kraft, wenn ich ihn ausspreche. Diesen Umstand bedenken zu müssen macht mich ein wenig unfrei.

Wobei Sie Ihre große Wirkung ja auch auszunutzen.

Klar, ich will mich da nicht nur beschweren. Meine öffentliche Stimme wird gehört. Wenn ich zum Beispiel die Meinung vertrete, dass Prostitution menschenverachtend und eine Art von Sklaverei ist, und eben nicht in den Chor des Mainstreams einstimme, dass Prostitution doch auch irgendwie cool sei, dann besetze ich ein Thema und initiiere Diskussionen. Und das ist toll. (überlegt) Weniger toll ist es jedoch, als Alice Schwarzer, die Feministin bezeichnet zu werden. Das ist nicht nur wahnsinnig einengend, sondern auch sehr stupide.

Warum?

Als junge Frau war ich Journalistin mit vielfältigen Aufgaben. Ich habe für Tageszeitungen gearbeitet, war als Reporterin beim Magazin „Pardon“ tätig und Auslandskorrespondentin in Paris. Wenn ich damals mit Kollegen ins Gespräch kam, fragte man mich, wie ich diese oder jene außenpolitische Entwicklung in Frankreich einschätzen würde oder was von diesem oder jenem Politiker zu halten sei – was man unter Kollegen halt so bespricht. Seit 1975 bin ich „die Feministin“. Da fragt man mich in der Regel nur noch, warum ich Männer hasse.

Ist das tatsächlich immer noch so?

Schon, ja. Wenn man mich wenigstens als Feministin begreifen würde, wie ich das verstehe – nämlich als Frau, die ein Bewusstsein für die ungleichen Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern hat und aus dieser Perspektive auf die Welt blickt. Stattdessen wird man eben auf ein stupides Klischee reduziert: hasst Männer.

Um noch einmal auf die Trennung zwischen Mensch und Institution zurückzukommen, glauben Sie, dass bei mächtigen Frauen diese Trennung häufiger vorkommt? Beispiel Merkel, wenn die Leute grölen „Merkel muss weg!“, dann meinen sie ja eher nicht die Kanzlerin direkt, sondern die Institution Angela Merkel.

Bei Männern macht Macht sexy. Frauen nimmt man Macht übel. Sie müssen sich dafür entschuldigen.

„Eine Art Institution zu sein engt mich ein. Ich verliere an Freiheit.“

Woran machen Sie das fest?

In Porträts über Angela Merkel wird es leichter persönlich. Und dann kommt in der Regel der Satz, dass sie zu Hause ja ein ganz anderer Mensch sei, dass sie gerne selbst einkaufen gehe und auch mal koche, Kartoffelsuppe. Puh, da atmet die Männerwelt erleichtert auf: Auch Angela Merkel ist eine ganz normale Frau. (lacht) Ein Mann würde das niemals so betonen.

Kommen Sie manchmal auch in Versuchung, sich zu entschuldigen?

Ich versuche dem natürlich bewusst zu entgehen. Aber es kommt vor, dass ich mich nach einer Sendung im Fernsehen selbst beobachte und denke: Da hast du mal wieder zu häufig gelächelt.

In Ihrem neuen Buch schreiben Sie, wie Sie bei einer Hochzeit in Algerien negativ auffielen, weil Sie nur ein festliches Kleid dabeihatten. Alle anderen Frauen wechselten ihre Kleider am Abend mehrfach.

(lacht) Das war natürlich auch selbstironisch gemeint. Und eine Schilderung der Sitten. Aber in diesem Buch geht es ja vor allem um den Unterschied zwischen Muslimen und Islamisten. An Algerien können wir lernen, dass die ersten Opfer dieser fanatischen Fundamentalisten nicht wir, sondern Muslime sind. Muslime, die nichts weiter wollen als friedlich zu leben. In meiner algerischen Familie gibt es auch kein öffentliches Beten. Beten ist für die Privatsache, „ein Dialog zwischen Gott und uns“. Es sind diese Muslime, denen wir die Hand reichen, die wir unterstützen sollten. Statt immer nur den Dialog mit den Falschen, den Scharia-Gläubigen, zu führen.

Immerhin ist es Ihnen gelungen, mit einem Ihrer Kleider ein wenig Irritation in die legendäre Beziehung von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre zu bringen.

(lacht) 1972 mit diesem englischen Minikleidchen, ja. Ob Sartre irritiert war, das weiß ich nicht. Aber Simone de Beauvoir war sauer. Ich führte ein Interview mit ihm, de Beauvoir kam in den Raum, sah mich im Mini und sagte mit eisiger Stimme: „Sartre, Sie wissen, dass wir gleich eine Pressekonferenz haben!“ Dann kehrte sie uns den Rücken zu und setzte sich an seinen Schreibtisch.

„Jeder Gedanke, den ich habe, verhundertfacht sich in seiner Kraft, wenn ich ihn ausspreche.“

Das war Ihr erster Kontakt mit den beiden. Wie konnte daraus eine Freundschaft entstehen?

Simone de Beauvoir wirkte zunächst unterkühlt, gerade zu Fremden. Aber wenn man sie näher kennengelernt hat, war sie ein wunderbarer und herzlicher Mensch. Ich war schon mit ihr befreundet, da lud sie mich nach Rom ein, wo sie und Sartre immer den September verbrachten. Sie lebten in einem gehobenen Mittelklassehotel, hatten beide ein eigenes Zimmer im obersten Stock. Abends luden sie die Leute zu Drinks ein, es gab ja immer was zu trinken, Whisky natürlich. Hinter dem Petersdom ging die Sonne unter, eine sehr nette Atmosphäre. De Beauvoir hatte die Idee, dass ich Sartre besser kennenlernen sollte.

Nach dem Interview im Mini.

Kurz bevor ich ins Hotel ging, hatte ich ein Interview mit Sartre in der linken Zeitung „Libération“ gelesen, und diese linken Halunken hatten den alten Mann dazu verführt, ein paar ärgerlich klischeehafte Antworten über den Feminismus zu geben, solche Dinge wie, dass man es damit auch übertreiben könne und dass erst einmal die Revolution anstünde. Dieser typische Kram hat. Mich hat das sehr erbost! Ich schritt also in sein Zimmer, ging auf ihn zu und sagte als ersten Satz: „Sartre, was haben Sie denn da für einen Unsinn im ,Libération’ erzählt?“

Würden Sie das heute auch noch so machen?

Im Leben nicht. Gut, ich würde es ansprechen, aber erst nach einer freundlichen Begrüßung und nach ein paar Drinks.

Wie reagierte Sartre?

Er schaute hoch, guckte mir in die Augen, lächelte mich an und sagte: „Finden Sie, Alice?“ Das war der Beginn unserer Freundschaft. Ihm hat mein Auftritt wunderbar gefallen, noch besser als mein Minirock beim Interview zuvor, und das war für ihn und Simone de Beauvoir bezeichnend: Beide liebten den Widerspruch, das Wortgefecht. Und den Whisky. Dazu noch eine kurze Szene, Simone de Beauvoir hatte einen Kupferbecher dabei, in diesen goss sie den Whiskey aus der Flasche, von dort aus dann ins Glas. Beim dritten Mal frage ich sie: „Simone, darf ich fragen, warum Sie sich diesen Umstand mit dem Kupferbecher machen?“ Sagt sie: „Ich messe die Menge meines Whiskys.“ Worauf Sartre sagt: „Sie misst – aber sie zählt nicht.“

Fehlt der deutschen Intellektuellenszene diese Gelassenheit? Gerade heute wirken alle immer so schnell empört.

Schon, ja. Ich will die Franzosen nicht glorifizieren, aber der Spaß am Widerspruch ist bei den Denkern dort deutlich größer als in Deutschland. Hier ist man (haut auf den Tisch) dafür oder dagegen! Schwarz oder weiß! Und dann zermalmen sich die Lager gegenseitig, wobei jedes Lager eine bestimmte Sprache mit eigenem Slang besitzt. In Frankreich ist die Debatte offener und freier. Ich leide unter den zu deutschen Verhältnissen, seit ich Mitte der 70er-Jahre nach meiner Zeit in Paris zurückkam. Gerade West-Berlin war damals sehr rigide.

Keine Spur mehr von der Befreiung der 68er?

Ach, da gab es irgendwo noch ein paar Spontis, vor allem aber diese ganzen Polit-Sekten wie die Maoisten, KBWler und Trotzkisten. Von denen habe ich mal den Sprecher interviewt, der sprach in chinesischen Längenmaßen, „Ling“ hießen die, glaube ich. Er sagte also, die Revolution ist noch so und so viele „Ling“ entfernt. Es ging damals sehr weit mit dem unsinnigen Stellvertreter- und Kaderdenken der Genossen. Manche beschweren sich heute über die Einengung der Sprache durch die Political Correctness, ich muss aber sagen: Damals war es noch viel schlimmer, auch was die Denkverbote betrifft. Das war nichts für mich, ich musste mich da freischlagen.

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