Aladin El-Mafaalani

Aladin El-Mafaalani

„Bildung ist blind für soziale Ungleichheit.“

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Zur Person

24. Januar 2020, Dortmund. Aladin El-Mafaalani ist promovierter Soziologe, komplexe Gedanken zu Welt und Gesellschaft sind ihm nicht fremd. Das merkt man, wenn man mit dem ehemaligen Lehrer, Regierungsbeamten und heutigen Bestseller-Autor spricht: El-Mafaalani nimmt Begriffe ernst, scheut einseitige und idealistische Definitionen. Daher spricht er vom „Mythos Bildung“, dem Thema seines neuen Buches: Dem Ungleichheitsforscher schwebt eine Ganztagsschule vor, in der zusätzlich zum Unterricht auch alles andere vermittelt wird, was wichtig ist. Das kostet – aber in Bildung zu investieren, ist schließlich Konsens. Oder?

Herr El-Mafaalani, Ihr neues Buch heißt „Mythos Bildung“. Warum dieser Titel?

Weil ich glaube, dass der Begriff Bildung sehr irreführend und unklar ist. Jeder würde unterschreiben, dass es gut ist, in Bildung zu investieren. Was aber Bildung genau ist und welche Art von Bildung unterstützenswert ist, da gehen die Meinungen sehr schnell weit auseinander.

Bevor wir dazu kommen: Was ist Bildung eigentlich für ein Begriff?

Ein sehr deutscher. (lacht) Die Begriffsgeschichte ist tatsächlich interessant, denn die klassische Vorstellung von Bildung besaß noch etwas Schöpferisches, Idealisierendes, Großes. Im Mittelalter sah man die Bildung wie folgt: Wenn Gott den Menschen nach seinem Bild erschaffen hat, dann muss es das Ziel des Menschen sein, dass sich die Seele des Menschen in Gott abbildet. Im Laufe der Epochen hat sich der Begriff dann sehr gewandelt, in der zunehmend säkularisierten Gesellschaft spielte Gott immer weniger eine Rolle, es ging nun eher um die eigene Persönlichkeitsbildung. Und heute wird der Bildungsbegriff häufig sehr stark auf Kompetenzen reduziert, hier haben die Pisa-Studien einen großen Einfluss, indem sie versuchen, den Bildungsgrad in Rankings abzubilden. Und weil der Begriff der Bildung so wandelbar ist, ändert sich im Laufe der Zeit immer wieder seine Bedeutung, je nachdem, wer ihn gerade benutzt. Wobei es nicht selten vorkommt, dass sich solche begrifflichen Widersprüche in ein und demselben Text ergeben.

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