Berlinale 2019

Und die Bären gehen an...

Und die Bären gehen an...

„I can’t bear it anymore!“

(Sie werden fehlen, die launigen Wortspiele von Dieter Kosslick)

Apropos Bär… Einen solchen kriegt, was schwierig ist. Keine Jury hat das in diesem Jahrtausend bisher besser geschafft, als die unter Präsident Tom Tykwer im vergangenen Jahr: „Touch Me Not“ – sperrig, quasi-dokumentarisch, experimentell und explizit sexuell. Für solch donnernde Statements fehlte der diesjährigen Jury unter Juliette Binoche schlichtweg das Material - mit 16 Fimen nicht nur zahlenmäßig. In Tateinheit mit Schauspielerin Sandra Hüller, Produzentin Trudie Styler, MoMa Filmkurator Rajendra Roy, Regisseur Sebastián Lelio und Filmkritiker Justin Chang gab die Präsidentin dennoch ihr Bestes. So etwa beim Alfred Bauer Preis in Form eines silbernen Bären für neue Perspektiven im Film für Nora Fingscheidt und ihr lautes, wütendes Regiedebüt „Systemsprenger“. Ganz ohne Vorwarnung fräst sich das Drama um seine junge, zornige Protagonistin Benni (Helena Zengel) dem Zuschauer förmlich ins Gemüt.

Als preiswürdig unzugänglich von der ersten bis zur 105. Minute erwies sich auch „ich war zuhause, aber…“. Regisseurin Angela Schanelec („Marseille“, „Der traumhafte Weg“) beherrscht die Kunst des seitlich dran Vorbeierzählens aufs Feinste. Auch ist sie Meisterin des statischen Bildes, denn „wenn ich keinen Grund sehe, die Kamera zu bewegen, lass ich sie stehen.“ Wer sich trotzdem darauf einlässt, kann sich auf ein sehr seltenes Phänomen gefasst machen: Szenen, Bilder, Dialogfetzen, die so lange als verlorene Puzzleteile in dem Gehirnwindungen treiben, bis sie irgendwo sinngebend Andocken. Der Regie-Bären hat sich Schanelec damit absolut verdient.

Einer der Schanelecs Einstellung zur Einstellung vermutlich nicht teilt, ist Kameramann Rasmus Videbæk, der mit dem silbernen Bären für die beste künstlerische Leistung in „Ut og stjæle hester“ (Out Stealing Horses, Pferde stehlen) ausgezeichnet wurde. Es sind die präzisen Fahrten in und durch die Natur, zu Wasser und zu Land, die Hans Petter Molands (ab dem 28.2. mit dem Schneethriller „Hard Powder“ im Kino zu sehen) Männerdrama zu einem Erlebnis machen.

Um halbwüchsige Jungs, die alles daran setzen, echte Männer zu werden, und um Schusswaffen, die es dazu offenbar braucht, geht es in „La paranza die bambini“ (Deutscher Kinostart 22.8.). Mit dem Drehbuchbären für Regisseur Claudio Giovannesi, Maurizio Braucchi und Roberto Saviano, der zudem die Romanvorlage schrieb, ist die Jury dann doch ein bisschen in dem Kommerz abgeglitten. Die Geschichte, einer neapolitanischen Jungen-Gang, die sich durch das Ausspielen zweier Mafia-Familien Einfluss und Reichtum verschaffen will, könnte ohne weiteres als Prequel des Spielfilms „Gomorrha“ (2008) und der darauf basierenden Serie aus dem Jahr 2016 durchgehen. Kein Wunder, alle drei waren als Autoren oder Inszenator an dem einen oder anderen beteiligt.

Um Männerschicksale, geprägt durch sexuellen Missbrauch in der Kindheit geht es François Ozons „Grâce à Dieu“. „Gott sei Dank“ soll Kardinal Philippe Barbarin gesagt haben, als er davon erfährt, dass ein erwachsener Bankangestellter einen Pater seiner Diözese des Missbrauchs im Pfandfinderlager bezichtigt. „Gott sei Dank ist das schon verjährt“, lautet der ganze Ausruf. Ozon hat aus Anklage und Abwehr ein Drama mit ausgesprochen ruhigen und niemals sensationsheischenden Szenen gemacht. Was sich den 137 Minuten aber auch 1:1 überträgt, ist das zähe Ringen um Worte in Briefen, Mails und persönlichen Treffen. Worte, die versuchen, das Unbeschreibliche zu beschreiben. Worte, die sich um eine Entschuldigung winden. Der silberne Bär der Jury soll nicht zuletzt auch dabei helfen, den Film in Frankreich in die Kinos zu bringen, trotz der einstweiligen Verfügung, die die katholischen Kirche gegen ihn eingelegt hat.

Vom Staat offiziell genehmigt wurde der chinesische Beitrag „Di jiu tian chang“ (So Long, My Son). Darin beeinflussen sowohl die staatlich verordnete Familienpolitik als auch persönliche Rückschläge das Schicksal des Ehepaars Yaojun und Liyun. Jeweils einen silbernen Darsteller Bären gab es für Wang Jingchun und Yong Mei, deren darstellerische Tour de Force drei Jahrzehnte umspannt, vom „großen Sprung vorwärts“ bis hin zum galoppierenden Turbokapitalismus.

Mit seiner Heimat Israel hadert der Ex-Soldat Yoav, weswegen er sich nach Paris absetzt. Kein Wort hebräisch soll ihm mehr über die Lippen kommen. Das französische Wörterbuch lernt er streng nach dem Alphabeth auswendig. „Synonymes“ mit seinem fiebrig agierenden Protagonisten (Tom Mercier), der wackelnden Handkamera und den unzähligen Nacktszenen nötigte dem Publikum auf der Berlinale schon in den ersten 10 Minuten eine klare Entscheidung ab: tu‘ ich mir das an oder geh ich jetzt? Die, die blieben, durften dabei sein, wenn Yoav patriotischer als jeder französische Patriot im Einbürgerungskurs die Marseillaise vorträgt. Und auch, wenn er im Studio eines Pornofilmers mit dem eigenen Finger im Anus zur Muttersprache zurückfindet. Bei der Übergabe des Goldenen Bären durch Juliette Binoche gibt Regisseur Nadav Lapid seiner Ahnung Ausdruck, dass man ihn für diesen Film weder in Israel, noch in Frankreich lieb haben wird. Immerhin wird der Film dort in den Kinos gezeigt werden. Ein deutscher Start steht indes noch nicht an.

Vermutlich sind es Filme wie Lapids „Synonymes“, Schanelecs „ich war zuhause, aber…“ oder auch Fingscheidts „Systensprenger“, die man ab dem nächsten Jahr vermehrt im Wettbewerb finden wird. Der Italiener Carlo Chatrian hat als künstlerischer Leiter des schweizerischen Locarno Festivals ein besonderes Augenmerk auf Autorenfilme geworfen und dabei ein internationales Netzwerk gebildet, das sich fast nahtlos nach Berlin übertragen lässt. Mariette Rissenbeek, die ab nächstem Jahr die Geschäftsführung übernimmt, brachte seit 2011 in der Leitung der German Films und Marketing GmbH den deutschen Film erfolgreich im Ausland unter. Den Staffelstab hat Dieter Kosslick mit einem festen Drücker an Chatrian und Rissenbeek am Ende der 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin offiziell übergeben. Fast schon egal, was und wie und wer nächstes Jahr über den roten Teppich defiliert, die ungeteilte Aufmerksamkeit der internationalen Filmwelt ist der neuen Doppelspitze im Jubiläumsjahr jetzt schon sicher.

Edda Bauer