76. Int. Filmfestspiele Berlin
Mehr Inhalt, weniger Verpackung

Mehr Inhalt, weniger Verpackung
Foto: Edda Bauer

Verschlankt, verjüngt und nun auch noch verbilligt, zumindest teilweise. Die US-Amerikanerin Tricia Tuttle hat schon im vergangenen Jahr bei ihrem Antritt als Intendantin der Berlinale vieles richtig gemacht. Diesen Kurs fährt sie bei den 76. Internationalen Filmfestspielen weiter.

Mit Cine25 gibt es ein Kontingent mit Tickets für Filme in allen Sektionen, das jungen Menschen zwischen 18 und 25 Jahren den Eintritt für nur sechs statt 15 Euro ermöglicht. Auch wenn über der Größe des Kontingents der Schleier des Schweigens liegt, ist es doch ein sehr guter Ansatz, um mehr Publikum in die Kinosäle zu locken, ganz besonders diejenigen, die es sich gern am heimischen Bildschirm mit Popcorn und Streaming gemütlich machen.

Gespart wird wie schon zuvor am Glitzerfaktor des Festivals. Es gibt nur noch ein einziges Plakatmotiv, keine Filmplakate zum Wettbewerb und mit der Anzahl von 276 auch weniger Filme insgesamt. Drei mehr als im letzten Jahr, nämlich 22, konkurrieren um einen Bären, darunter sogar ein Debüt: das animierte Ökodrama „A New Dawn“ ist der erste abendfüllende Film des japanischen Malers und Art Directors Yoshitoshi Shinomiya. Überhaupt scheint a new dawn, also ein neuer Morgen, bei der Berlinale angebrochen zu sein. Erkennbar ist das daran, dass sich das Festival an eine jüngere Generation angeglichen hat, und das nicht nur in den Sehgewohnheiten, sondern auch bei den Filmemacherinnen und Schauspielerinnen. Zwar defilieren Letztere immer noch fotogen über den roten Teppich, gern in großen Roben und schrillen Anzügen, frisch vom Designer zu Verfügung gestellt. Aber als Stars definieren sich nur noch die wenigsten. Als eine der letzten großen Diven hat sich Cate Blanchett schon 2023 im Zoo Palast mit einem tiefempfundenen „Fuck off“ ihrer High Heels entledigt. Tilda Swinton glänzte bei der Dankesrede für ihren Ehrenbären im vergangenen Jahr sowohl modisch als auch politisch (das allerdings nicht zur Freude aller). Und Pamela Anderson, die zusammen mit Callum Turner, Riley Keough, Jamie Bell und Elle Fanning in diesem Jahr zur Weltpremiere von „Rosebush Pruning“ kommt, legt schon seit Langem kaum Make-up auf.

Glamour und Ruhm haben ausgedient, entlarvt als schnöder Schein ausgerechnet von denen, die ihn repräsentieren sollten. Kein Film auf diesem Festival und vermutlich im gesamten Kinojahr zeigt das treffender als die Mockumentary „The Moment“ von und mit Pop-Singer-Songwriterin Charli xcx: Der Blitzerfolg ihres Albums "Brat" katapultiert die Musikerin in einen giftigen Strudel aus Merch, Medien, Fans und überhöhten Erwartungen. Im Gefolge von Charli xcx wird neben Rosanna Arquette wohl auch Selbstvermarkterin und Kardashian-Familienmitglied Kylie Jenner über den roten Teppich wandeln. Letztere spielt sich in „The Moment“ selbst. Oder ist es doch eine Parodie?

276 Filme aus insgesamt 80 Ländern werden bei dieser Berlinale über die Leinwand flimmern, darunter wenige US-amerikanische Produktionen. Auch das ist ein Zeichen der Zeit: die Berlinale ist internationaler geworden. Davon zeugt schon der Eröffnungsfilms „No Good Men“ der afghanischen Regisseurin Shahrbanoo Sadat, an dem Produktionsfirmen aus fünf Ländern beteiligt sind – Deutschland, Frankreich, Norwegen, Dänemark und Afghanistan. Bei der Gala davor wird der in Malaysia geborenen, aber von Hong Kong bis Hollywood gefeierten Schauspielerin Michelle Yeoh, der Goldene Ehrenbär verliehen. Über die Vergabe der restlichen Bären, des einen goldenen und der sieben silbernen, entscheidet die sechsköpfige Jury um den diesjährigen Präsidenten Wim Wenders.

Internationale Filmfestspiele Berlin 2026

WETTBEWERB:
A New Dawn
von Yoshitoshi Shinomiya
Japan / Frankreich 2025

At the Sea
von Kornél Mundruczó
USA / Ungarn 2026

À voix basse (In a Whisper)
von Leyla Bouzid
Frankreich / Tunesien 2026

Dao
von Alain Gomis
Frankreich / Senegal / Guinea-Bissau 2026

Dust
von Anke Blondé
Belgien / Polen / Griechenland / United Kingdom 2026

Etwas ganz Besonderes (Home Stories)
von Eva Trobisch
Deutschland 2026

Everybody Digs Bill Evans
von Grant Gee
Irland / United Kingdom 2026

Gelbe Briefe (Yellow Letters)
Von ?lker Çatak
Deutschland / Frankreich / Türkei 2026

Josephine
von Beth de Araújo
USA 2025

Kurtulu? (Salvation)
von Emin Alper
Türkei / Frankreich / Niederlande / Griechenland / Schweden / Saudi Arabien 2026

Meine Frau weint (My Wife Cries)
von Angela Schanelec
Deutschland / Frankreich 2026

Moscas (Flies)
von Fernando Eimbcke
Mexiko 2026

Nina Roza
von Geneviève Dulude-de Celles
Kanada / Italien / Bulgarien / Belgien 2026

Queen at Sea
von Lance Hammer
United Kingdom / USA 2026

Rose
von Markus Schleinzer
Österreich / Deutschland 2026

Rosebush Pruning
von Karim Aïnouz
Italien / Deutschland / Spanien / United Kingdom 2026

Soumsoum, la nuit des astres (Soumsoum, the Night of the Stars)
von Mahamat-Saleh Haroun
Frankreich / Tschad 2026

The Loneliest Man in Town
von Tizza Covi, Rainer Frimmel
Österreich 2026

Wolfram
von Warwick Thornton
Australien 2025

Wo Men Bu Shi Mo Sheng Ren (We Are All Strangers)
von Anthony Chen
Singapur 2026

YO Love is a Rebellious Bird
von Anna Fitch, Banker White
USA 2026

Yön Lapsi (Nightborn)
von Hanna Bergholm
Finnland / Litauen / Frankreich / United Kingdom 2026

Plakat: © Internationale Filmfestspiele Berlin

Edda Bauer