Berlinale 2020

Die Bären

Die Bären

Die Bären-Gewinner Elio Germano, Baran Rasoulof, Paula Beer
Foto: © Berlinale

Ein Kommentar zu den 70. Internationalen Filmfestspielen Berlin

Der Letzte ist der Erste geworden. „Sheytan vojud nadarad“ („There Is No Evil“) des iranischen Regisseurs Mohammad Rasoulof wurde am Freitag als letzter Film des Wettbewerbs gezeigt, verstand es aber erst die Kritikerschaft bei der Pressevorführung, und abends das Publikum und offenbar auch die internationale Jury bei der Premiere noch einmal wach zu rütteln. Dabei fängt alles ganz harmlos an, mit einem Mann, der ein Kätzchen aus einem Schacht rettet, seine Frau von der Arbeit anholt, seiner Mutter bei Aufräumen hilft und mit der Tochter am Abend Pizza essen geht. Am nächsten Morgen aber, ganz früh, wird er grünes Licht dafür bekommen, einen Knopf neben der Kaffeemaschine zu drücken – mit kalkuliert fatalen Folgen.

Aufgeteilt auf vier Kurzfilme, die lose miteinander verbandelt sind, ist „There Is No Evil“ ein filmisches Plädoyer gegen die Todesstrafe, mehr aber noch eines für Zivilcourage. Rasoulof legt sie selbst an den Tag, indem er Filme macht, die der Islamischen Republik Iran ein Dorn im Auge sind. Er tut das seit 2002, etwa mit metaphorischen Endzeit-Dramen wie „Eiserne Insel“ oder indem er den iranischen Amtsschimmel dokumentiert wie im Spielfilm „Auf Wiedersehen“. Bei den Filmfestspielen in Cannes gewinnt er damit Preise, in der Heimat wird dafür mit Gefängnis, Arbeitsverbot (beides ausgesetzt) und Reiseverbot belegt. Den Goldenen Bären für den besten Film holte deshalb seine in Hamburg geborene Tochter Baran ab und bedankte sich bei allen Beteiligten, die in Teheran und in der Provinz unter Einsatz ihres Lebens an „There Is No Evil“ mitgearbeitet haben.

Die Umstände der Entstehung haben wohl auch die Entscheidung beeinflusst, den Silbernen Bären „für eine herausragende künstlerische Leistung“ Kameramann Jürgen Jürges für „DAU. Natasha“ zu verleihen. Zwischen 2008 und 2011 drehte er über 700 Stunden Material an einem Filmset, der -hermetisch abgeschlossen- mit Laiendarstellern das Leben und Treiben an einem Physik-Institut zur Stalin-Zeit nachstellte. Das ist zweifellos eine preiswürdige Leistung, vor allem für jemanden, der schon Anfang der 70er Jahre Filme von Robert van Ackeren, Ulli Lommel und Rainer Werner Fassbinder ins richtige Licht und Format rückte. Der Preis aber ändert nichts daran, dass das „DAU“-Projekt von Regisseur Ilja Chrschanowski in seiner Entstehung vermutlich näher am diktatorischen Führungsstil dran war, als die ebenfalls auf der Berlinale gezeigte, sechsstündige Doku „DAU. Degeneratsia“ zugibt, oder die durch einen Geheimhaltungsvertrag gebundenen Darsteller erzählen dürfen.

Völlig unumstritten, weil sehr verdient, sind hingegen die beiden Darstellerbären:
Paula Beer, die ihre Titelrolle in Christian Petzolds Drama „Undine“ zwischen luftiger Nymphe und erdiger Nixe verschwimmen lässt. Und Elio Germano, der zum einen die Höhen und Tiefen einer unerkannten Künstlerseele in „Volevo nascondermi“ („Hidden Away“) begeifbar macht –wofür er den Bären erhielt -, als auch Gier, Neid und Leid eines jungen Familienvaters in einer römischen Reihenhaussiedlung in „Favolacce“.

Vor allem für die blitzend bösen Dialoge in „Favolacce“ („Bad Tales“), wohl aber auch für das sich leise ankündigende, aber in seiner Wucht doch überraschende Finale wurde das Drehbuch der D’Innocenzo-Brüder, Damiano und Fabio, mit einem Silbernen Bären bedacht.

Der Silberne Bär für die beste Regie ging an den koreanischen Regisseur Hong Sangsoo für seinen Frauengespräch-Film „Domangchin yeoja“ („The Woman Who Ran“), zum einen wohl deswegen, weil die Themen Männer, Garten, Grillen, Fleisch, Klamotten, Berge erschreckend global verständlich sind, zum anderen für die beste On-Screen Katze – wobei die Konkurrenz bei dieser Berlinale sektionsübergreifend riesig war.
Nur auf dem zweiten Platz - wie der Große Preis der Jury in Silberner-Bären-Gestalt auch genannt wird - landete Eliza Hittmans stilles Abtreibungsdrama „Never Rarely Sometimes Always“, das sie bei der Dankesrede allen Menschen mit einer Gebärmutter widmete. Immerhin ist „Never Rarely…“ bisher der einzige der diesjährig prämierten Filme, der in Deutschland schon einen Starttermin hat, sogar einen absehbarer Zeit: 11.6.2020, unter dem Titel „Niemals Selten Manchmal Immer“. Als eher erlässlich erwies sich hingegen der frisch von „Alfred Bauer“ in „Preis der 70. Berlinale“ umbenannte Silberne Bär. War er einst für neue Perspektiven im Film gedacht, ging er diesmal an alte Bekannte - das französische Regie-Gespann Benoit Deléphine und Gustave Kervern („Der Tag wird kommen“, 2012)- und ihre an guten Onlinern reiche, aber Plot-mäßig trudelnde Smartphone-Komödie „Effacer l’historique“ („Delete History“).

Für die neu geschaffene Sektion „Encounters“ fand die österreichische Regisseurin Sandra Wollner passende Worte: „Auch wenn sich dem Zuschauer nicht erschließt, worin sich diese Sektion von den anderen unterscheidet, als Filmemacher sind wir sehr froh darüber, dass ein neue Licht auf die Vielseitigkeit unserer Arbeit geworfen wird, was uns sehr hilft.“ Insofern bleibt zu hoffen, dass der Spezialpreis der Jury in Form einer Bären-Plakette ihrem leisen Androiden-Drama „The Trouble With Being Born“ dabei hilft, einen Verleiher und somit ein Publikum zu finden.
Schwerer wird es vermutlich für den rumänischen Regisseur Cristi Puiu und seiner knapp dreieinhalbstündigen philosophischen Abhandlung von Krieg, Frieden, Kultur, Nationalität und Gemeinschaften, die sich daraus bilden lassen; ausdiskutiert und durchexerziert von fünf Menschen von Stand um 1900 im rumänischen „Malmkrog“. Puiu erhielt dafür die Plakette für die beste Regie.

Sogar acht Stunden lang ist das als bester Film der Sektion ausgezeichnete Werk „The Works and Days (of Tayoko Shiojiri in the Shiotani Basin)“. Der Titel ist Programm, denn was US-Amerikaner C.W. Winter und der Schwede Anders Edström in ihrem dokumentarischen Spielfilm festhalten, ist das Leben der Bäuerin Tayoko innerhalb von 14 Monaten in einem japanischen Bergdorf. Innerhalb der 480 Minuten hat man buchstäblich das Gefühl, eine nachhaltige Begegnung/Encounter mit der Protagonistin gehabt zu haben.

Edda Bauer