Berlinale 2019

Das Peinliche ist politisch

Das Peinliche ist politisch

„I will miss myself, too!“ Dieter Kosslick bei der Verleihung des Variety Achievement in International Film Award 2019

Ist es das Schiff der Träume? Ist es die Titanic? Nein, es ist nur die Berlinale, die auf Sand gelaufen ist. Alles gut! Nix passiert! Jedenfalls nichts Schlimmes, nur ein paar Kratzer und eine lockere Schraube. Die 69. Internationalen Filmfestspiele in Berlin, die letzten unter der Leitung von Dieter Kosslick, haben nicht mit Pauken, Trompeten und Glitzergewusel im sicheren Hafen angelegt. Ebenso wenig dümpeln sie kieloben auf hoher See. Die diesjährige Berlinale ist vielmehr mit einem spürbaren Fummp aufgelaufen, was kaum mehr als ein Schulterzucken auslöst. Überrascht ist nämlich niemand. In seinen 18 Jahren am Steuer eines der drei großen Festival-Dampfer (neben Cannes und Venedig) den Prestige-Pott mit immer mehr Sektionen (z. B. Kulinarisches Kino, Perspektive deutsches Kino) immer schwerer gemacht. Zwar hat er zum Ausgleich mit einem immer größer werdenden Filmmarkt auch für einen starken Motor gesorgt. Aber der hilft recht wenig, wenn einem die zeitlich vorgezogenen Oscar-Nominierungen die Stars und somit die nötige Medienflut abgraben. Statt Glamour hat sich Kosslick zum Abschied im Wettbewerb eine kleine illustre Gesellschaft aus alten Weggefährten (etwa Francois Ozon, Hans Petter Moland, Wang Quan’an, Wang Xiaoshuai, Fatih Akin, Agniezka Holland, Zhang Yimou) und Sektionsnachrückern aus dem Panorama (u.a. Angela Schanelec, Teona Strugar Mitevska, Marie Kreutzer, Nadav Lapid) zusammengestellt. War es mit 17 Filmen sowieso schon ein kleines Feld, wurde es zum kleinsten in der Geschichte der Berlinale, als das Drama „One Second“ des chinesischen Regie-Stars kurzfristig aus dem Programm genommen werden musste. Technische Probleme, hieß es offiziell aus China, ähnlich wie auch beim dem mit Hongkong co-produzierten Jugendfilm „Better Days“, der vier Tage vor Festivalbeginn aus dem Programm gestrichen wurde. Beide Filme haben chinesischen Boden nie verlassen, anders als Wang Xiaoshuais Drama „Di jiu tian chang“ (So Long, My Son), das von der National Film Administration freigegeben wurde. Und das obwohl die Schicksale zweier befreundeter Familien in den drei Jahrzehnten zwischen Kulturrevolution und Turbokapitalismus durchaus von der menschfeindlichen Politik in Mitleidenschaft gezogen wurden. Wang macht in seiner dreistündigen Familiensaga nicht nur inhaltlich viel richtig – wenn man der chinesischen Zensur Glauben schenken will -, sondern auch formal. „So Long, My Son“ ist klassisches Erzählkino, das sich beim langsamen Voranschreiten nachvollziehbare Blicke nach hinten gönnt, weil sich erst so ein kausaler Zusammenhang zwischen realer Politik, persönlicher Schuld und später Sühne ergibt. Weil das auch immer emotionale Konsequenzen nach sich zieht, lässt Wang mit stillen Szenen und ruhigen Dialogen den Gefühlen des Zuschauers Zeit zu folgen. So viel Mitgefühl mit den Nerven des Publikums hatte kaum ein anderer Regisseur in dem ansonsten an Bildern manchmal starken und an Geschichten sehr oft schwachen Wettbewerb der 69. Berlinale. Ein positiver Ausblick auf die Jubiläumsausgabe im nächsten Jahr ist jetzt schon möglich. Zum einen hat Dieter Kosslick noch schnell als amtierenden Direktor die Forderung „5050 x 2020“ (50% Filme von Frauen bis zum Jahr 2020) unterzeichnet, wofür es auch in diesem Jahr schon gutes Fahrwasser gab. Zum anderen finden die 70. Internationalen Filmfestspiele Berlin von 20.2. bis um 1.3.2020 statt. Damit fällt die Oscar-Verleihung im nächsten Jahr vermutlich in die Zeit der Berlinale und sorgt am Ende sogar für einen frisch prämierten Sternenregen auf dem roten Teppich.

Edda Bauer