Verändern Bären die Welt?
76. Internationale Filmfestspiele Berlin

76. Internationale Filmfestspiele Berlin
Foto: Edda Bauer

Es sind die existentiellen Fragen, die die 76. Internationalen Filmfestspiele beherrschten. Genau genommen eigentlich nur die eine große: Können Filme die Welt verändern? Schon einen Tag vor der Eröffnung, bei einer Pressekonferenz der Jury, überraschte deren Präsident Wim Wenders mit dieser Antwort: „Ja, Filme können die Welt verändern, aber nicht im politischen Sinn.“ Ist also das Prädikat, das sich die Berlinale seit Anbeginn verleiht, nämlich ein politisches, ja sogar das politischste unter den großen A-Filmfestivals zu sein, nur eine Illusion?

„Nicht nur der Film, das ganze Leben ist politisch“, beteuerte Hiam Abbass beim Berlinale Talent Talk. Und wer weiß das besser als sie, die Grande Dame des arabisch-sprachigen Films. 1960 als Tochter palästinensischer Eltern in Nazareth geboren, lebt sie seit 40 Jahren in Paris. In Berlin war sie gleich in zwei Filmen zu sehen, im Wettbewerbsbeitrag „In a Whisper“ als tunesische Mutter einer lesbischen Tochter und im Eröffnungsfilm der Sektion Panorama, „Only Rebel Wins“, in dem sie eine libanesische Witwe verkörpert, die sich in einen jungen sudanesischen Flüchtigen verliebt. Beides sind Charaktere, die nichts mit dem tagespolitischen Geschehen zu tun haben, gesellschaftspolitisch aber viel auszurichten vermögen, allein durch die Kraft der Empathie.

Auf nichts anderes wollte auch Wim Wenders auf der Pressekonferenz der Jury hinaus, mit seinem „wir [als Filmschaffende] dürfen uns gar nicht auf das Feld der Politik begeben. Wir sind das Gegengewicht zur Politik.“ Das Politische an der Berlinale war und ist auch immer der Umstand, dass dem Publikum das Ein- und Mitfühlen oft nicht leicht gemacht wird.

Sei es, weil der oder die Protagonist*in spröde und verschlossen ist, etwa so wie Sandra Hüller im Schwarz-weißen Drama „Rose“, für das sie in die Hosen eines wortkargen Soldaten im 30-jährigen Krieg geschlüpft ist. Als dieser kehrt sie in ihre vermeintliche Heimat zurück, baut sich eine Existenz auf, heiratet und wird entlarvt als Weibsbild und Betrügerin. Für ihr entwaffnend schlichtes „In der Hose war mehr Freiheit“ bekam Hüller den Silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin überreicht.

Manchmal ist es aber auch eine Situation, in die man als Zuschauer*in gar nicht geraten möchte. Die Diagnose Demenz ist in den vergangenen Jahren zunehmend ins Bewusstsein der Menschheit gerückt, so auch im Kino. In „Queen at Sea“ beleuchtet Autor und Regisseur Lance Hammer die Auswirkungen dieser Krankheit auf drei Generationen einer Familie. Weil ihm das ebenso unaufgeregt wie leise humorvoll gelungen ist, vor allem in der Beziehung zwischen der Erkrankten und ihrem pflegenden Ehemann, verlieh die Jury dem Drama – in dem übrigens Juliette Binoche die Hauptrolle spielt – gleich zwei Bären, für die Nebendarsteller und den Preis der Jury.

Ein Paar, das ebenso hoch für den Nebendarsteller-Bären gehandelt wurde, waren Bill Pullman und Laurie Metcalf als warmherzige Eltern des titelgebenden Jazz-Pianisten in „Everybody Digs Bill Evans“. Stattdessen landete der Silberne Bär jedoch in den Händen des britischen Regisseurs Grant Gee, dem aus der wahren Geschichte aus Trauer, Sucht, Selbstzweifel, Musik und Liebe eine berückend kunstvolle Einheit aus Form und Inhalt gelang.

Die zentrale Frage der Berlinale nach der Wirkung von Film, Kunst oder im Fall von „Gelbe Briefe“ Theater auf Gesellschaft und Politik steht auch im Mittelpunkt von ?lker Çataks neuem Film. „Glaubst du wirklich, dass du mit Theater die Welt rettest?“ fragt die 13-jährige Ezgi ihren Vater, einen Autor und Professor. „Ganz genau das glaube ich“, antwortet der und hält wenig später einen gelben Brief in der Hand, der ihm den Zugang zu Uni und Staatstheater fortan verwehrt.

Es ist ein türkisch-sprachiger Film, in dem Berlin Ankara darstellt und Hamburg Istanbul. Gemeint aber ist jedes Land, in dem von offizieller Seite die Redefreiheit eingeschränkt, die Kunst reglementiert und die Bildung eingenordet wird. Wie schnell es geht, dass man statt der Welt nur noch die eigene Haut retten kann, welche Abstriche und Zugeständnisse dabei gefordert werden, davon erzählt „Gelbe Briefe“ mit einem leisen wehret den Anfängen im Unterton.

Für Regisseur ?lker Çatak, der schon 2023 in „Das Lehrerzimmer“ das Publikum weit über die Berlinale hinaus vor eine moralische Denkaufgabe stellte, bedeutet „Gelbe Briefe“ diesmal den Goldenen Bären.

Und können Filme nun die Welt verändern? Natürlich! Aber sie nehmen den langen Weg über die Sinne in den Bauch und übers Herz in den Kopf. Eben genau so, wie es die sieben bei den 76. Internationalen Filmfestspielen ausgezeichneten Filme tun.

Die Auszeichnungen: Goldener Bär Gelbe Briefe (Yellow Letters) Von ?lker Çatak Deutschland / Frankreich / Türkei 2026 Start: 5.3.2026

Silberner Bär Großer Preis der Jury: Emin Alper Kurtulu? (Salvation) von Emin Alper Türkei / Frankreich / Niederlande / Griechenland / Schweden / Saudi Arabien 2026

Silberner Bär Preis der Jury: Lance Hammer Silberner Bär für beste Nebendarsteller: Anna Calder-Marshall / Tom Courtenay Queen at Sea von Lance Hammer United Kingdom / USA 2026

Silberner Bär für bester Hauptdarstellerin: Sandra Hüller Rose von Markus Schleinzer Österreich / Deutschland 2026 Start: 30.4.2026

Silberner Bär für die beste Regie: Everybody Digs Bill Evans von Grant Gee Irland / United Kingdom 2026

Silberner Bär für das beste Drehbuch Nina Roza von Geneviève Dulude-de Celles Kanada / Italien / Bulgarien / Belgien 2026

Silberner Bär für herausragende künstlerische Leistung: Anna Fitch, Banker White YO (Love is a Rebellious Bird) von Anna Fitch, Banker White USA 2026

Edda Bauer